Katalog: Fotografie Sinje Dillenkofer
Debutantenausstellung der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 1988
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Die Renaissance hat den Menschen zwei Erfahrungen gebracht, die sich in paradoxer Weise widersprechen und zugleich ergänzen: In der Malerei unterwarf sie ihrer Perspektive die ganze sichtbare Welt; in der Wissenschaft bescherte sie ihnen die Einsicht, dass sie bloße Staubkörner des Alls sind und nicht dessen Zentrum. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis das in den Köpfen der Menschen Platz griff. Wir wissen davon, allein uns fehlt immer noch der Glaube. Anschaulich wurde diese paradoxe Erfahrung erst durch die Fotografie: Das fotografische Bild hat das greifbar-illusionistische Vorstellungsbild der Renaissance mechanisiert, und die Multiplikationsfähigkeit seiner Technik bis zur Auflösung relativiert.
Die Grenzen zwischen Welt und Abbild haben sich durch die und in der Fotografie verwischt. Die Bilder, denen laut André Bazin unser Glaube gehört, prägen den Umgang mit einer Wirklichkeit, die sie genau abzubilden vorgeben und schaffen ihrerseits eine Realität eigenen Anspruchs. So gerät nolens volens auch jede fotografische Aufnahme eines Bildes zum Bild der Erfahrungswirklichkeit. Je fragwürdiger infolge dessen die Ansprüche einer dokumentarischen Fotografie auf authentische Wiedergabe wurden, desto authentischer erwies sich eine Fotografie, die sich offen zur Manipulation bekannte. Die Manipulation erhob schließlich zum Programm eine künstlerische avancierte Form der Fotografie, bekannt geworden als »inszenierte Fotografie«.
Sinje Dillenkofer inszenierte zunächst einmal Wirklichkeit vor der Kamera. Aber die Elemente dieser Wirklichkeit entstammen größtenteils einer künstlichen Realität – Theater, Bildende Kunst, Mode und endlich auch Fotografie. Bilder der Imagination verschmelzen mit Abbildern faktischer Gegenständlichkeit sowie Bildern, die diese wiederum abgebildet haben. Vor der Kamera entfaltet sich demnach eine völlig künstliche Welt. ihre Bestandteile bezeugen gleichwohl deren reale Existenz. Modelle, Kleider, Stoffe, Mobiliar, Spielzeug, grafische Zeichen, Bühnenprospekte, Malerei und Fotografie. Eine Welt von komplexer Struktur und unterschiedlicher Realitätsebenen. Das fotografische Bild beglaubigt nichtsdestoweniger ihre Authentizität. In dieser künstlichen Wirklichkeit (oder wirklichen Kunst) spielen die Menschen die Rolle von Objekten.
Wie der große Busby Berkely Film der 30er- und 40er-Jahre integriert Sinje Dillenkofer sie in die dekorativen Bildräume ihrer künstlerischen Imagination. Verachtung gegenüber menschlicher Integrität? Triumph der Sachen über die Menschen? Sinje Dillenkofer vollzieht lediglich, was ohnehin längst Wirklichkeit ist. Und sie öffnet den Blick für eine Welt der träume und Phantasie in der die »wirkliche« Wirklichkeit allmählich zu verschwinden droht. Verlust der Wirklichkeit, Sieg der Kunst.
Die fotografische Form der Kunst bestimmt weitestgehend das Bild, das wir uns von der Wirklichkeit machen. Unmerklich und ohne, dass es den meisten bewusst wird. Die Bilder der Sinje Dillenkofer mobilisieren gegen die scheinbar authentischen Bilder der Fotografie fotografische Bilder, die ihre Künstlichkeit von vornherein eingestehen. Die Manipulation als solche ist ihr Thema. In vielerlei Hinsicht sind diese Bilder im ästhetischen Sinne wahrer als die Bilder, die lediglich so tun, als ob sie wahr seien. Die höchste Wahrheit liegt in der reinsten Phantasie. Das Gegenteil von Wahrheit aber ist die Lüge. Bilder, die mit aller ihrer suggestiven Kraft vorgeben, dass Rauchen beispielsweise gesund sei, lügen bewusst. Aber ihre Verlogenheit kann man nicht so leicht erkennen.
Die phantastischen Bilder von Sinje Dillenkofer können gar nicht lügen, da es sich um Bilder handelt, die eigens zu dem Zweck der Abbildung arrangiert wurden und nichts anderes abbilden als eben phantasievolle und imaginative Arrangements. Was sie darüber hinaus noch zeigen? Jeder Besucher sollte es für sich mit den Augen entdecken, sollte in den Fluchten und Räumen der Bilder umherwandern, sich von den Farben und Formen der Modelle und Materialien affizieren lassen, seiner eigenen Phantasie die Sporen geben: Sollte die Freiheit der Kunst über die Gebundenheit des Alltags genießen. Zu wenig? Ach, könnten wir doch einmal das genießen was wir besitzen!